Xiaomis Umsatzsparte “Internet Services” hat in einem der letzten Geschäftsjahre rund $4.4 billion eingebracht, fast nichts davon stammte aus dem Verkauf von Smartphones. Das Geld kommt aus dem, was auf den Geräten passiert, nachdem du sie gekauft hast. Dieser Unterschied ist wichtiger als jede Zählung von Bloatware, denn er zeigt dir: Die vorinstallierten Apps auf einem Xiaomi-Gerät sind kein toter Ballast, den das Unternehmen vergessen hat aufzuräumen. Sie sind eine Monetarisierungsschicht, die leise unter dem Betriebssystem läuft, das du für dein eigenes hältst.

Wir haben schon einmal darüber geschrieben, wie viele System-Apps Xiaomi mitliefert und wie wenige du davon tatsächlich entfernen kannst. Dieser Beitrag handelt von dem Teil, den niemand als Screenshot teilt: der Ad-Tracking-Infrastruktur, die in diesen Apps eingebaut ist, und warum es sie überhaupt gibt.

Das Paket, das das Werbegeschäft betreibt

Im Zentrum steht eine Systemkomponente namens MSA. Auf einem globalen Gerät heißt sie com.miui.msa.global und wird in den Debloat-Datenbanken schlicht als Main System Ads geführt, daneben ein Schwesterpaket com.miui.systemAdSolution, das das verhaltensbasierte Targeting übernimmt. Keines von beiden taucht in deinem App-Drawer auf. Beides sind Hintergrunddienste mit erweiterten Permissions, die die Auslieferung von Werbung über Security, GetApps, Mi Browser, Themes, den Dateimanager und manchmal sogar Rechner und Uhr koordinieren.

MSA kommuniziert mit Xiaomis Werbeservern, zieht Geräte- und Verhaltenssignale (Liste installierter Apps, Nutzungshäufigkeit, ungefährer Standort und ein Werbe-Identifier namens OAID, den MIUI außerhalb von Googles Ad-ID-System generiert) und entscheidet, welche Werbung in welchen nativen App-Slot eingeblendet wird. Deshalb kann dir eine Sicherheits-App auf deinem Handy ein Banner für ein Mobile Game zeigen, oder der Dateimanager empfiehlt gelegentlich eine Shopping-App, nach der du nie gesucht hast. Das sind keine Fehler. Das sind Ad Impressions, und Xiaomi wird pro Ansicht oder pro Installation bezahlt.

Die Marge, die das erklärt

Xiaomi hat sich 2018 per Vorstandsbeschluss öffentlich darauf festgelegt, die Netto-Gewinnmarge auf Hardware bei 5 Prozent zu deckeln und alles darüber an die Kunden zurückzugeben. Nimm diese Zusage beim Wort, dann folgt der Rest von selbst: Wenn das Telefon selbst nahe an einem Nullsummenprodukt liegt, muss etwas nach dem Verkauf die Wirtschaftlichkeit tragen. Die Sparte Internet Services ist dieses Etwas.

Eine Zahl zum durchschnittlichen Umsatz pro Nutzer schreiben wir hier bewusst nicht hin. Die Werte, die zum MIUI-Werbe-ARPU kursieren, gehen auf Analystenschätzungen zurück und nicht auf etwas, das Xiaomi selbst berichtet. Eine Zahl, die wir nicht prüfen können, hat in einem Text darüber, dass Unternehmen ehrlich zu dir sein sollten, nichts verloren. Die berichtete Umsatzzeile reicht für sich: sie ist groß, sie ist geprüft, und fast nichts davon kommt aus der Hardware.

Das bedeutet: Die Bloatware ist kein Nebeneffekt von Kostensenkung. Sie ist der Plan.

Wo die Werbung tatsächlich auftaucht

Wenn du ein Xiaomi- oder Redmi-Gerät länger als ein paar Wochen genutzt hast, hast du wahrscheinlich mindestens eines davon gesehen, ohne zu merken, was es war:

  • Eine “empfohlene” Installationskarte in GetApps, die kein Suchergebnis war
  • Eine Vollbild-Werbung beim Öffnen der Security-App nach einem Scan
  • Vorschläge für Sperrbildschirm-Wallpaper, die eigentlich gesponserter Content sind
  • “Tipps” im Benachrichtigungsmenü, die zu Affiliate-Seiten verlinken
  • Kacheln auf der Browser-Startseite, die sich anhand kürzlich installierter Apps drehen, nicht anhand kürzlicher Suchen

Jedes davon ist eine eigene Ad Unit mit eigener Targeting-Logik, und jede zieht Daten aus derselben zugrunde liegenden MSA-Datenpipeline. Es ist ein kleines internes Ad Network, das komplett innerhalb von Apps läuft, die du nicht selbst installiert hast und die du ohne ADB-Zugriff oder Root nicht vollständig entfernen kannst.

Die Einstellungen, zu denen Xiaomi dich nicht führt

MIUI erlaubt es dir zwar, das meiste davon abzuschalten, aber die Schalter sind verstreut, und keiner davon trägt die Bezeichnung “Zeig mir keine Werbung mehr.” Hier findest du sie tatsächlich, Stand aktueller MIUI- und HyperOS-Builds:

Einstellungen > Passwörter & Sicherheit > Datenschutz > Ad Services, dort findest du “Personalisierte Werbeempfehlungen.” Dieses Abschalten entfernt die Werbung nicht, verhindert aber, dass sie anhand deiner Verhaltensdaten gezielt ausgespielt wird, wodurch der wertvollste Teil der Pipeline für Xiaomi wegfällt.

In GetApps: Einstellungen > Personalisierte Empfehlungen, ein eigener Schalter, getrennt von dem oben genannten, denn Xiaomi teilt die Werbe-Einwilligung pro App auf, statt dir einen systemweiten Schalter zu geben.

In der Security-App: Einstellungen > Empfehlungen erhalten, das steuert speziell die Werbeeinblendungen bei Scan-Ergebnissen.

Wenn du alle drei abschaltest, wird MSA dadurch nicht deinstalliert oder gestoppt. Es schränkt lediglich ein, welche Daten ins Targeting einfließen. Der Dienst selbst läuft trotzdem im Hintergrund weiter, weil er auch legitime Funktionen übernimmt, etwa Push-Benachrichtigungen für System-Apps, und Xiaomi bietet keine saubere Möglichkeit, die Werbefunktion von der Nutzfunktion zu trennen.

Was das an deiner Vorstellung von “sauberen” Smartphones ändert

Der übliche Ratschlag im Umgang mit OEM-Bloatware lautet: entfernen. App deaktivieren, verstecken oder das Gerät rooten und sie komplett löschen. Das lohnt sich weiterhin. Aber “entfernen” behandelt das Problem wie Ballast, während die treffendere Sichtweise ist, dass du standardmäßig in ein Ad Network eingebunden bist, das deine Liste installierter Apps und deine Nutzungsmuster als Inventar verwendet.

Wenn du ein Xiaomi- oder Redmi-Gerät bewertest, zähl nicht nur, wie viele vorinstallierte Apps du nicht löschen kannst. Prüfe, ob GetApps, Security und der Browser innerhalb der ersten Stunde nach dem Setup gesponserten Content zeigen, noch bevor du dich irgendwo eingeloggt hast. Wenn ja, ist das kein Bug, der später gepatcht wird. Das ist das Geschäftsmodell, das sich schon am ersten Tag zeigt.